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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Frauen- und Geschlechterpolitik
Mehr als 150 Jahre nach Beginn der Frauenbewegung und mehr als 100 Jahre nach Zulassung der ersten Frau an einer österreichischen Universität sind viele Forderungen nach Gleichberechtigung von Frauen in der Gesellschaft umgesetzt. Trotzdem ist die strukturelle Diskriminierung von Frauen nach wie vor traurige Realität. Weiterhin werden unter dem scheinbaren Bekenntnis zu Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen – gerade in Zeiten des in Vormarsch befindlichen neokonservativen Weltbilds – patriarchale Werte reproduziert und einzementiert.
Geschlechtsspezifische Rollenbilder
Immer noch sind Rollenbilder weit verbreitet, bei denen die Frau für den Haushalt und die Kinder und der Mann für das Einkommen zuständig ist. Während Männer den überwiegenden Teil der Erwerbseinkommen beziehen, wird vor allem unbezahlte Arbeit von Frauen verrichtet. Auch heute noch leben unzählige Frauen ohne eigenständige Alterssicherung und in wirtschaftlicher Abhängigkeit von Männern. Sexuelle Belästigung und berufliche Diskriminierung sind für viele Frauen nach wie vor alltägliche Erfahrungen.
Finanzielle Ungleichheit zwischen den Geschlechtern
Ein wichtiger Faktor für die Benachteiligung von Frauen ist die ihnen von der Gesellschaft zugeschobene Verantwortung für die Kindererziehung. Für uns ist es deshalb höchste Zeit, den unzähligen Versprechungen der Bundes- und LandespolitikerInnen endlich Taten folgen zu lassen. Die Politik hat dafür Sorge zu tragen, dass in Quantität und Qualität ausreichende Kinderbetreuungseinrichtungen zur Verfügung stehen und Müttern und Vätern mittels Karenzgeld – anstelle des (vor allem) frauenfeindlichen Kindergelds –, Behaltefristen und einem Anspruch auf in allen Betrieben gültige Teilzeitarbeit ein selbstständiges Erwerbseinkommen langfristig ermöglicht wird.
Nach wie vor ist Arbeit ungerecht verteilt. Der große Teil der Haus- und Pfl egearbeit wird von Frauen (unbezahlt) erledigt, während sich Männer überwiegend der Erwerbsarbeit widmen. Frauen finden sich neben der unbezahlten Haus- und Pflegearbeit auch in weit überhöhtem Maße in unterbezahlten atypischen/prekären Beschäftigungsverhältnissen. Nach wie vor liegt das Durchschnittseinkommen von Frauen deutlich unter dem von Männern. Insbesondere werden Tätigkeiten, die als „typische Frauenberufe“ gelten, auch in Kollektivverträgen niedriger bewertet als „typische Männerberufe“. Wir fordern daher gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit, eine gerechte Aufteilung aller Formen der Arbeit sowie eine gerechte Einkommensverteilung zwischen den Geschlechtern.
Der Anteil von Mädchen und Frauen in allen Bereichen des Bildungswesens ist in den letzten Jahrzehnten rapide gestiegen. Doch noch immer bleiben ihnen viele Türen verschlossen. Nach wie vor gibt es typische „Frauenberufe“ und traditionelle, männliche Studienrichtungen. Die weiterhin existierende Mehrfachbelastung vieler junger Frauen und zahlreiche strukturelle Faktoren hindern Frauen an Aus- und Weiterbildung.
Wir benötigen daher ein umfassendes Informations- und Beratungsangebot, das auf die speziellen Bedürfnisse und Probleme von Frauen zugeschnitten ist. Jene Unternehmen, Institutionen, Bildungseinrichtungen etc., die konkrete Maßnahmen setzen, um die faktische Chancengleichheit herzustellen, sind von der öffentlichen Hand mit allen – auch finanziellen – Mitteln in ihren Bemühungen zu unterstützen.
Dort wo der Staat direkte Einfluss- und Eingriffsmöglichkeiten hat, so z.B. im Bereich des öffentlichen Dienstes, aber auch bei arbeitsrechtlichen Regelungen, hat er diese im Sinne einer Chancengerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zu nutzen. Die Vergabe von öffentlichen Aufträgen muss an die Existenz von Frauenförderplänen gebunden werden.
Positive Diskriminierung
Da von einer Gleichberechtigung immer noch keine Rede sein kann, treten wir für ein durchgehendes Gender Mainstreaming in allen Bereichen und dafür ein Frauen mit dem Mittel der positiven Diskriminierung zu fördern. Das bedeutet für uns einerseits Regelungen wie z.B. das frühzeitigere Pensionsantrittsalter für Frauen bis zu einer vollkommenen faktischen Gleichstellung beizubehalten. Andererseits heißt das aber auch, Frauen in Bereichen, wo ihre Benachteiligung besonders offensichtlich ist, durch Quoten und Bevorzugung zumindest ein Mehr an Chancen zu geben. Das sollte sich auch in der verfassungsrechtlichen Gleichstellung von Frauen und Männern ausdrücken.
Wir sprechen uns dezidiert für einen bewussten Umgang mit Sprache aus, denn Sprache schafft Bewusstsein und Bewusstsein schafft Sprache. Ausgehend von dieser Analyse und der scheinbaren Gleichberechtigung von Frauen erscheint es umso absurder, dass gerade in der alltäglichen Sprache das androzentrische (also männliche) Weltbild immer noch „fröhliche Urstände“ feiert: So ist es nach wie vor üblich, dass Frauen keine eigenständige Erwähnung finden, weil sie schon in der männlichen Form „mitgemeint“ sind. Grundsätzlich gilt: Sexistische Sprache ist die, die Frauen ignoriert und ausschließt, Frauen, immer in Abhängigkeit von Männern setzt, Frauen in traditionelle Rollen mit den sogenannten weiblichen Eigenschaften und Verhaltensweisen darstellt, bzw. herablassend klassifi ziert. Wenn Frauen nicht sichtbar gemacht – also sie nicht ausdrücklich erwähnt werden, können sie – aber müssen sie aus dem Zusammenhang heraus nicht – sprachlich inkludiert sein. Solange die 52% Frauen nicht durch die Krücke Sprache (also Splitting, Umformulierungen oder der Nutzung von Wörtern mit geschlechterindifferenter Bedeutung) zu gleich sichtbaren Teilen der Gesellschaft werden, solange wird es keine reale Gleichberechtigung der Geschlechter geben.
Ob Kinder oder keine, entscheiden wir alleine
Der neokonservative Backlash der letzten Jahre hat wieder ein massives öffentliches Hervortreten von GegnerInnen der Fristenlösung auf den Plan gerufen. Für uns steht in dieser Diskussion fest: Es hat immer Frauen gegeben und wird immer Frauen geben, die eine Schwangerschaft in ihrer konkreten Lebenssituation nicht wollen. Das Verbot der Abtreibung verringert die Zahl der Abbrüche nicht. Es würden aber mehr Frauen an unsachgemäß durchgeführten Schwangerschaftsabbrüchen sterben oder ihr Leben lang an Folgeschäden leiden. Für uns geht es in der Fristenlösungdebattte nicht darum, ab wann Leben beginnt, sondern um das Recht, Entscheidungen für das eigene Leben zu treffen. Dieses Recht beinhaltet vor allem die freie Entscheidung für oder wider ein Leben als Mutter.
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