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Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at
Bildung und Gesellschaft
Bildung leistet Arbeit an der Verbesserung der Gesellschaft. Universitäten haben in der Vergangenheit wesentliche Beiträge zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, zur sorgfältigeren und nachhaltigeren Nutzung der natürlichen Ressourcen und zum gesellschaftlichen Fortschritt geleistet. Der Zugang zum Bildungssystem und die Chancen auf den Erwerb von Bildung entscheiden auch über Arbeitsmarktchancen, Einkommen und gesellschaftlichen Status. Zugang und Nutzung der Bildungsinstitutionen dürfen daher nicht von sozialer und ethnischer Herkunft oder dem Geschlecht abhängig sein. Universitäten und alle anderen Bildungsinstitutionen tragen Verantwortung für die Gesellschaft, sind aber kein Hort normativer Wahrheit, sondern selbst Teil der Gesellschaft.
Zudem müssen alle Bildungseinrichtungen von Betreuungseinrichtungen für Kinder bis zu Universitäten Geschlechtergerechtigkeit leben. Gender Mainstreaming muss ein verbindliches Prinzip in Bildung und Ausbildung sein, muss allen Schul- und Hochschulgesetzen zu Grunde gelegt werden.
Chancengleiches Bildungssystem
Die Qualität des Bildungssystems besteht im Wesentlichen auch im Abbau von selektiven Maßnahmen und in der Sicherung von Bildungsabschlüssen, die sowohl die Entwicklung der Persönlichkeit als auch den Erwerb von bestmöglichen breiten Qualifikationen erlauben. Der Abbau finanzieller Barrieren fördert die Chancengleichheit. Durch den Ausgleich von sozialen, regionalen, geschlechtsspezifischen und kulturellen Unterschieden sollen schicht- und einkommensspezifische sowie frauendiskriminierende Faktoren des Bildungssystems überwunden werden. Interessensentfaltung muss für jede und jeden möglich sein. Das bedeutet das Eingehen auf unterschiedliche Lernvoraussetzungen und unterschiedliches Lernverhalten, wobei die Kompensation von Benachteiligungen und Erschwernissen die Grundlage für ein gerechtes und frei zugängliches Bildungssystem darstellt.
Dieser Ausgleich von Benachteiligungen ist die Voraussetzung für eine breite Begabungsförderung, die durch ein breites Angebot in Entfaltung der individuellen Fähigkeiten und Interessen bei allen Menschen ihre Aufgabe sieht. Eine Reduktion der Begabungsförderung auf eine privilegierte Gruppe (Begabtenförderung) verhindert Chancengleichheit für alle. Das Leistungsprinzip darf nicht einseitig interpretiert werden und soziale Benachteiligungen ignorieren sowie ungerechte Selektionsmechanismen rechtfertigen.
Gesellschaftsrelevanz oder „die Universität als offenes Haus“
Je fortgeschrittener eine Gesellschaft ist, desto „wissensbasierter“ ist sie. Wissen als Ressource ist einer der wichtigsten Faktoren gesellschaftlichen Fortschritts. Daraus ergibt sich die Gesellschaftsrelevanz der Bildung. Längere und qualitätsvolle Bildungszeiten, die auf die gesamte Lebenszeit verteilt sind, sind daher eine Notwendigkeit und eine gesellschaftliche Herausforderung. Die Wissenschaft muss sich deshalb als Teil an der Gesellschaft begreifen und an dieser partizipieren.
Die Rückkoppelung zwischen Bildungssystem und Gesellschaft bedeutet einerseits die Verbindung von Forschung und Lehre im Bildungssystem. Neue Erkenntnisse, aber auch gesellschaftliche Wünsche müssen in die Lehrpläne fließen können und so eine aktuelle, gesellschafts- und gegenwartsrelevante Wissensvermittlung ermöglichen. Außerdem soll zwischen Forschung und Lehre eine Wechselwirkung stattfinden. Ein reger Austausch an Lehrmeinungen schafft Kritik und Vielfalt, die neues Wissen erzeugt. Pluralismus der Lernenden und Lehrenden ist das Ziel. Andererseits muss diese Öffnung aber auch faktisch passieren, indem sich die Bildungsinstitutionen selbst öffnen. Universitäten müssen Angebote für breite Gesellschaftsschichten bieten können, ihr Aufbau und ihre Arbeit muss transparent sein und die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit einzelnen Individuen, staatlichen Institutionen, aber auch der Wirtschaft müssen gegeben sein. Vielfalt und produktiver Austausch in der Wissenschaft erfordern eine kritische Masse, die durch einen Bildungszugang für alle Menschen und zu wissenschaftlichen Forschungen und deren Ergebnissen.
Bei der Festlegung von Bildungsinhalten darf nicht bloß nach Aspekten der wirtschaftlichen Verwertbarkeit des Wissens im Arbeitsprozess vorgegangen werden. Dennoch haben Ausbildung und Qualifizierung, aber auch eine Vielfalt an Bildung und ein hoher Grad derselben auch individuellen, gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Nutzen.
Forschungsgeleitete Lehre
Die Verbindung von Forschung und Lehre ist ein wesentlicher Aspekt der Universitäten. Weder ist es sinnvoll Universitäten auf Forschung oder Lehre zu reduzieren, noch derartige Organisationsstrukturen schaffen zu wollen. Vielmehr ist es notwendig, produktive Feedbackkultur von Forschenden und Studierenden an den Universitäten verstärkt einfließen zu lassen.
Qualitative Lehre bedeutet, aktuelle Forschungsergebnisse mit einzubeziehen. Um am Arbeitsmarkt oder als WissenschafterIn bestehen zu können, reicht bloßes Faktenwissen nicht aus. Verbesserungsbedarf besteht in der Internationalität, wie in der Vermittlung von sozialen Fähigkeiten, der Weitergabe von grundlegenden Kenntnissen in moderner Didaktik und vor allem in der Vermittlung von Fremdsprachen.
Dazu braucht es ausreichende finanzielle und damit personelle und infrastrukturelle Ausstattung. Kleingruppen sind etwa didaktisch sehr wertvoll, vielerorts sind sie aber aufgrund der nicht ausreichenden Finanzierung der Universitäten nicht möglich und lassen anstatt von interaktiv geplanten Übungen wieder zum Frontalunterricht zurückkehren.
Öffnung der Universitäten
Die Möglichkeiten für eine Öffnung der Universitäten sind darüber hinaus vielfältig. Universitäten könnten mit Volkshochschulen kooperieren und wissenschaftliche Weiterbildungsmöglichkeiten anbieten. Eine absolute Notwendigkeit bei der Verbreiterung der Nutzbarkeit von Bildungsinstitutionen ist auch die Nutzung moderner Technologien. Durch Tele-Learning-Angebote kann Wissen auch massiver an Berufstätige und nicht in Universitätsstädten lebende Menschen weitergegeben werden.
Das absolute Ziel ist für uns die Vermittlung möglichst hochwertigen Wissens an alle. Das größte Hindernis bei diesem Vorhaben ist wohl nicht fehlende Lernwilligkeit, sondern verstaubte Selbstgefälligkeit vieler ProfessorInnen, die ihr Leben im „Elfenbeinturm Universität“ als ein verdientes Privileg begreifen. Wissen muss öffentlich sein, Wissen muss aktuell und gut vermittelt sein, und Wissensvermittlung darf auch Spaß machen.
Gesellschaftsdistanz und -moderation
Neben der Gesellschaftsrelevanz ist aber auch die Gesellschaftsdistanz grundlegende Aufgabe des Bildungssystems. Gerade in einer Gesellschaft, in der politische Sachzwänge und wirtschaftliche Einzelinteressen vermehrt zur Grundlage politischer Entscheidungen und gesellschaftlicher Strömungen werden, kommt der gesellschaftsreflektierenden Funktion des Bildungssystems eine wichtige Bedeutung zu. Daraus ergibt sich die absolute Notwendigkeit, dass das Bildungssystem immun gegen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Druck bestehen und agieren kann. Voraussetzung dafür ist die staatliche Finanzierung des Bildungssystems und der Schutz vor dem Eingriff politische und wirtschaftlicher Einzelinteressen in die Lehrpläne. Für den VSStÖ ist es von größter Notwendigkeit, dass das Bildungssystem in Österreich von der öffentlichen Hand finanziert wird. Sie trägt die Verantwortung dafür, dass ausreichend Budgetmittel zur Verfügung stehen.
Wissenschaft muss aber auch einen Beitrag zur Diskussion über die Gestaltung der Zukunft leisten. Die öffentliche Diskussion ist oft von apokalyptischen Zukunftsentwürfen geprägt und von Politik, Recht und Ökonomie dominiert. Hier muss sich die Wissenschaft beteiligen und ihre Funktion der Gesellschaftsmoderation wahrnehmen. Sie muss öffentlichen Problemdefinitionen Aufmerksamkeit schenken und an deren Lösung arbeiten und die Bedingungen organisieren, dass Zukunftsfragen gemeinsam diskutiert werden können und somit als Initiatorin und Moderatorin von kollektiven Diskussionsprozessen wirken.
- Bildungsbegriff
- Offener Bildungszugang
- GATS
- Schule und triale Ausbildung
- Die Universität, Wissenschaft und Bildung
- Weiterbildung
