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Sozial- und Studienrechtsberatung

Verband sozialistischer Studentinnen und Studenten
Sektion Wien
http://www.vsstoe-wien.at

Interview mit Buchautorin Hildegard Steger-Mauerhofer

1. Wie bist du auf die Idee gekommen, das Buch zu schreiben?

Die Grundlage für das Buch war meine Diplomarbeit, in der ich das gesellschaftlich brisante Thema „Die partnerInnenschaftliche Teilung der Versorgungsarbeit“ behandelt habe. Ausgangspunkt dafür war einerseits die Kampagne der damaligen Frauenministerin Helga Konrad „Ganze Männer machen halbe/halbe und die damit verbundene Gesetzesinitiative zum Ehe- und Familienrecht.


Dieses Thema ist so zentral in der Gesellschaft, weil die Ungleichverteilung der Versorgungsarbeit zwischen den Geschlechtern eine massive Frauenbenachteiligung hervorruft. Frauen haben z.B. geringere Chancen am Arbeitsmarkt, sie werden in Teilzeitjobs abgedrängt, haben dadurch wenig Karrieremöglichkeiten und das Einkommen liegt, wie wir wissen etwa 30-40% unter jenem der Männereinkommen. Die politische Repräsentanz von Frauen ist nach wie vor auch durch das traditionelle Rollenverständnis in der österreichischen Gesellschaft, den Frauen der private Bereich, den Männern der öffentliche Bereich und die Erwerbsarbeit, geprägt.

2. Was für eine Idee steckt hinter der Halbe/Halbe Kampagne?

Für Frauenministerin Helga Konrad war es ein wichtiges Anliegen Maßnahmen wie Gesetzesänderungen im Ehe- und Familienrecht zu schaffen mit dem Ziel Geschlechterparität zu erreichen; andererseits wollte sie mit der Kampagne „Ganze Männer machen halbe/halbe“ einen Bewusstseinsprozess einleiten. Kino- und Fernsehspots, Inserate, Plakate sowie auch Seminare mit JournalistInnen sollten dazu beitragen, ein Klima in der Gesellschaft zu schaffen, um dem Ziel einer Geschlechterdemokratie näher zu kommen bzw.  halbe/halbe im Alltagshandeln umzusetzen.
Einer damaligen Umfrage des Linzer Market-Instituts zufolge ist die Kampagne acht von zehn Personen in Österreich aufgefallen; 55 Prozent der Befragten gaben an, dass sich die Männer mehr an der Hausarbeit beteiligen sollten. Nur ein Fünftel lehnte eine Teilung der Hausarbeit eindeutig ab.
Wenn also die Kampagne fortgesetzt und nicht abgebrochen worden wäre, dann hätte man schon mit einem gewissen Veränderungspotenzial zu Gunsten halbe/halbe rechnen können.


3. Wie war (grob umrissen) der Weg von Idee zu Gesetz?

Die Gesetzesinitiative zur partnerInnenschaftlichen Teilung der Versorgungsarbeit wurde 1995 von der Frauenministerin eingebracht und in Zusammenarbeit mit dem Justizministerium in einer Arbeitsgruppe von ExpertInnen beraten. Es sollten die §§ 91 und 94 des ABGB hinsichtlich einer halbe/halbe Beteiligung novelliert werden und im § 49 Ehegesetz sollte die Nichtbeteiligung an der Haus- und Pflegearbeit bei einer Scheidung als Eheverfehlung geltend gemacht werden können.


4. Wie waren die Reaktionen auf die Kampagne?

Gegen die Inhalte der Kampagne und die Gesetzesinitiative wurde immer wieder vorgebracht, dass der Staat sich nicht ins Private einmischen darf.
Aussagen wie: keine Überreglementierung; Aufteilung der Haushaltarbeit per Gesetz: nein danke, und vieles mehr wurde seitens PolitikerInnen der ÖVP, der FPÖ und sogar vom LIF vorgebracht.
Dies hat den Anschein, dass hier nicht begriffen wurde, dass es nicht um das genaue Auflisten von verschiedenen Tätigkeiten im Haushalt geht, sondern um die partnerInnenschaftliche Teilung der gesamten Versorgungs- und Pflegearbeit.

Gegen diese Einmischung des Staates in so genannte „private Angelegenheiten“ haben sich die konservativen Kräfte in Österreich stark zur Wehr gesetzt. Es war wie ein gebündelter Aufschrei!

Dass die Einmischung des Staates jedoch sehr wohl erforderlich und notwendig ist, zeigen die gesetzlichen Maßnahmen gegen Gewalt an Frauen und Kindern. Dieses Unrecht kann nicht privat bleiben, dem Staat obliegt es gesetzliche Regelungen zu schaffen.

Weiters war es interessant zu analysieren, dass es seitens der Medien keine positiven Meldungen zur Kampagne gegeben hat – mir waren solche zumindest nicht zugängig. Ich denke, dass die Medien hier den Männern am Stammtisch nach dem Mund geschrieben haben, denn Tatsache ist, dass die Kampagne das Zentrum der patriarchalen Männergesellschaft wie ein Blitz getroffen hat.

Eine positive Unterstützung der Kampagne durch die Medien hätte meines Erachtens den Bewusstseinsprozess in Richtung geschlechterdemokratischen Verhaltens wesentlich unterstützen können.


5. Glaubst du, dass sich von heute zu damals etwas verändert hat, durch die Kampagne?

Wie wir ja wissen, laufen Veränderungsprozesse in der Geschichte oftmals sehr langsam. Was jedenfalls geblieben ist, der Slogan halbe/halbe wirkt bis heute nach, er rüttelt auf, provoziert.
Studien beweisen jedoch, dass wir noch einen weiten Weg zur partnerschaftlichen Teilung der Versorgungsarbeit haben. So etwa resümiert die Studie zur Zeitverwendung von 1992, dass noch immer drei Stunden und 20 Minuten Arbeit für Haushalt, Kinder und Pflege Frauen und Männer trennen. Das Frauenbüro der Stadt Wien aus dem Jahre 2005 zeigt uns, dass immer noch acht von zehn Frauen die meiste Arbeit im Haushalt verrichten und 44 Prozent dabei gänzlich auf sich alleine gestellt sind. Trotzdem geben 62 Prozent an mit der Verteilung der Haushaltspflichten (sehr) zufrieden zu sein. Dies trifft allerdings nicht auf Frauen mit Kindern zwischen sechs und neun Jahren zu. In dieser Gruppe zeigten sich nur 38% mit der derzeitigen Verteilung der Haushaltspflichten (sehr) zufrieden.
Der Frauenbericht der Arbeiterkammer ebenfalls von 2005 stellt fest, dass berufstätige Frauen mit Kindern und (Ehe-) Partnern mit einer großen Arbeitsbelastung konfrontiert sind, in Summe sind es 71,8 Stunden pro Woche. Bei allein erziehenden berufstätigen Müttern liegt die Gesamtbelastung mit 68,5 Stunden unter jenen von Müttern mit PartnerInnenschaften. Offensichtlich verursachen männliche Partner mehr an Hausarbeit für Frauen, als sie diesen abnehmen.


In diesem Zusammenhang möchte ich gerne die Soziologin und Professorin für Geschlechterforschung Angelika Wetterer nennen. Sie subsumiert das Ganze unter dem Begriff "rhetorische Modernisierung": Die Gleichheit wird herbeigeredet, aber im Tun bleibt sie stecken. Sobald die Waschmaschine gekauft wird, und wenn das erste Kind da ist, seien die Verhältnisse wieder fast genauso wie früher. Gerda Lerner, Historikerin und Preisträgerin des Kreisky-Preises 2006 für ihr Lebenswerk meint dazu, dass die Frauen diese hierarchischen, patriarchalischen Verhältnisse verinnerlicht haben und nur dann die Rollenklischees sprengen könnten, wenn sie ihre eigene Geschichte studieren.

6. Wie passierte die Entwicklung in Österreich vom Mutter- und
Hausfrauenbild der 50er Jahre zu einer gesetzlichen Gleichberechtigung auch in der PartnerInnenschaft deiner Meinung nach?

Festzustellen ist, dass mit der Familienrechtsreform von 1975 zweifelsohne ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichberechtigung der Geschlechter geschaffen wurde. Der Mann als Haupt der Familie hat seine gesetzliche Vorrangstellung verloren. Im Ehe- und Familienrecht wurde das demokratisch-partnerschaftliche Prinzip verankert.  Allein mit der formalen Gleichstellung zwischen Frauen und Männern konnte die jahrhundertelange Diskriminierungstradition und die geschlechtsbedingte Benachteiligung von Frauen noch nicht erreicht werden.
Das Ziel einer Geschlechterdemokratie erfordert kollektive Ansätze,  wie eine „grundlegende Neustrukturierung der sozial-, steuer-, renten- und versicherungspolitischen Infrastruktur unserer Gesellschaft“.  

Mit der Eherechtsreform, dem Beschluss des Gesetzes von 1999 unter der damaligen Frauenministerin Barbara Prammer wird konsequenterweise ein kollektiver Ansatz verfolgt, mit dem Ziel, die individuelle Änderung von Verhaltensweisen zu unterstützen.
Gesetzliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die das Zusammenleben in einer Gesellschaft regeln, insbesondere den Bereich partnerInnenschaftliche Teilung der Versorgungsarbeit betreffend, sind gerechtfertigt. Maßnahmen wie geschlechtssensible Pädagogik in Kindergärten und Schulen sind gefordert, wo die geschlechtsspezifische "Aufteilung" und die Rollenklischees problematisiert werden. Sie können meines Erachtens einen aktiven Beitrag zur Veränderung in der Gesellschaft beitragen.
Wie aus Studienergebnisse bei StudentInnen von Angelika Wetterer bekannt wurde, ist die nichtpartnerInnenschaftliche Teilung der Versorgungsarbeit der Zankapfel in der Geschlechterbeziehung, die Frauen nach wie vor auch im beruflichen Weiterkommen einschränkt. Die Frage stellt sich, inwieweit sich die junge Generation solchen Konflikten stellt, wenn es im Alltagshandeln darum geht, wer füllt die Waschmaschine, wer ist für die Kinderbetreuung zuständig. Tatsache ist, dass viele junge Frauen und Männer Angst haben, es könne daran die Beziehung scheitern. Aus diesem Grund sind PartnerInnen aufgefordert die Gleichberechtigung und Gleichstellung im Sinne von halbe/halbe einzufordern und zu diskutieren.

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